Abenteuer elbabwärts

Ich bin auf Hamburgs höchster Straßenbrücke. Es ist Köhlbrandbrückenlauf. Neben mir sortieren Dudelsackspieler ihre Instrumente und bereiten sich auf ihren Auftritt vor. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite sprinten schon die ersten Läufer vorbei. Ich lehne am Brückengeländer und schaue auf die Hafenlandschaft, die sich unter mir ausbreitet. Wind bläst mir ins Gesicht. Er führt den süß-schweren Dunst der nahegelegenen Ölmühle mit sich. Erinnerungen an meine Kindheit werden wach. Damals gab es die links und rechts neben mir aufragenden Pylonen noch nicht. Zwischen ihnen hängen die Fahrbahnen an Stahlfäden wie in einem Spinnennetz. Über den Mündungsarm der Süderelbe pendelte stattdessen eine Fähre. In der Nähe des Anlegers, dort wo heute Eisenerz und Kohle lagern und die Schüttgutfrachter entladen werden, erstreckte sich eine brachliegende Dünenlandschaft.

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Wir waren zwei Halbwüchsige, die dort leicht durchnässt neben ihrem alten Ruderboot am Strand lagen. Es war ein aufregender Tag gewesen. Mein Freund rief mich morgens an und fragte, ob ich Lust hätte, zu ihm an die Elbe nach Neuland zu kommen. Ich war begeistert, rief meiner Mutter beim Hinausgehen zu: „Ich bin bei Manfred“ und holte mein Fahrrad aus dem Keller. Draußen bogen sich die Äste der Straßenbäume unter einer frischen Brise. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und trat in die Pedalen. Vor mir lagen zehn Kilometer im Gegenwind. Ich hing tief über den Lenker geduckt, um windschnittig zu sein. Nachdem die Straßen der Wohnsiedlung hinter mir lagen, führte mich die Strecke mehrere Kilometer geradeaus, entlang Bahndamm und Kleingärten. Anschließend ging der Weg durch den Binnenhafen, vorbei an roten Backsteinmauern der Lagerhallen, ihren angrenzenden Kaianlagen und den Betriebshöfen mit hoch gestapelten Holzpaletten. Bald schon hatte ich die alte Süderelbbrücke erreicht, deren bogenförmige Stahlträger wie ein verwobenes Zopfmuster den Fluss überspannen. Ich kurvte an ihrem historischen Südportal vorbei, unterquerte Gleisanlagen und fuhr bis Neuland am Deich entlang.

Manfred wartete schon. Stolz präsentierte er mir seine neueste Errungenschaft, ein altes Ruderboot. Ich blickte wohl etwas skeptisch. Es waren Risse zu sehen und Reste verblasster Farbschichten blätterten ab. Er erklärte: „Das Holz von Kiel und Spanten ist noch gut erhalten. Die Planken werden im Wasser quellen. Sie drücken dann gegeneinander und werden keinen Tropfen durchlassen.“ Wir schoben das Boot über die Grasfläche in den Fluss und dümpelten eine Weile neben dem Schilfdickicht. Gegenseitig malten wir uns Abenteuer aus, die wir mit diesem tollen Schiff erleben können. Die Elbe bis zur Seeve hochrudern oder sogar bis zur Imenau. Ein Zelt mitnehmen, am Ufer wild kampieren und bei aufgehender Sonne weiterfahren. Natürlich würden wir ihm zuerst einen neuen Anstrich geben und es müsste einen Namen bekommen. Uns war, als wäre das Ruderboot ein Schiffsneubau. In die Bilge war kaum Wasser eingedrungen. Damit war beschlossen, jetzt eine Jungfernfahrt zum Köhlbrand zu unternehmen.

Wir ruderten los. Jeder an einem der beiden Bootsriemen, unterstützt vom Wind im Rücken, trieben wir den Elbstrom hinunter. Das gleichmäßige Pullen war schlagartig vorbei als wir quer ins Kielwasser einer Schute gerieten. Die Gischt sprühte hoch, unser Boot bäumte sich in Längsrichtung auf und neigte sich quer als es abwärts ging. Wir schaukelten wild und unkontrolliert. Es war erschreckend schön. Bis zum Sandauhafen durchkreuzten wir jauchzend und lachend noch mehrere solcher Wasserspuren. Dort landeten wir wohlig erschöpft am flachen Strand an. Wir streckten uns im Sand aus und lagen nebeneinander im Genuss der gerade durchgestandenen Wagnisse. Aufgewühlt redeten wir stellenweise gleichzeitig und durchlebten noch einmal die letzten Flusskilometer. Die Sonne stand schon hinter den Ladekränen der westlichen Hafensilhouette, als wir wieder aufbrachen.

Jetzt hatten wir gegen die Winde anzukämpfen, die uns zuvor unterstützt hatten. Unsere Dynamik ließ nach, bevor wir den ersten Kilometer zurückgelegt hatten. Wir versuchten, gegen den Wind zu kreuzen. Das war zwar weniger anstrengend, verlangte aber mehr Ausdauer. Der Zick-Zack-Kurs verlängerte die Strecke und wir bekamen das Gefühl, unserem Heimathafen kaum näher zu kommen. Wir versuchten zu treideln. Einer stolperte als Schiffszieher über die grob behauenen Steinquader der Uferbefestigung, während der andere das Boot steuerte. Schnell mussten wir feststellen, dass auch diese Technik eher mühsam als hilfreich ist. Wir legten uns wieder gemeinsam in die Riemen, stellten uns den Windböen und plagten uns stromaufwärts. Auf Höhe des Harburger Fähranlegers mahnte uns eine HADAG-Fähre mit lautem Tuten, den Landesteg zu räumen. Einige der wartenden Fahrgäste riefen zu uns im Takt: „Hau ruck, hau ruck!“ Wir hatten Tränen in den Augen. Noch bis zu den Elbbrücken konnten wir durchhalten, dann erlahmten unsere Kräfte. Wir hörten auf zu rudern und sahen uns verzweifelt um. Verschiedene Motorsportboote waren unterwegs. Sie jagten vorbei, kreuzten den Strom oder ließen sich in Ufernähe treiben. Eins von ihnen erkannte unsere Situation, kam längsseits und nahm uns in Schlepptau. Wenig später hatten wir das heimatliche Ufer erreicht.

Ich hänge noch meinen Erinnerungen nach, als die Sackpfeifen und Trommeln der Dudelsackband losdröhnen. Langsam kehre ich aus der Vergangenheit zurück, blicke auf und wende mich der Musik zu. Dankbarkeit für eine geborgene und sorgenfreie Kindheit hallt in mir nach.

[ Wolfgang Lessat 17.02.2015 ]

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